Warum Euthanasie ein Segen für Tiere ist

Für einen Tierbesitzer gibt es nichts Schlimmeres, als sein Tier einschläfern zu lassen. Der Gang zum Tierarzt, mit dem Wissen, das Tier später nicht mehr lebend mit nach Hause nehmen zu können ist kaum mit Worten zu beschreiben. Wenngleich man als Tierbesitzer selbst unbeschreiblich leidet, ist es für das Tier eine Erlösung. Warum Euthanasie für das Tier ein Segen ist, möchte ich in diesem Artikel erklären.

Es war ein heißer Sommertag im Jahr 2002. Ich kam gerade von der Arbeit nach Hause als meine Mutter weinend im Wohnzimmer saß. „Wir müssen den Wasti erlösen“, hat sie gesagt. Wasti war unser zweiter Dackel, den wir mit 12 Jahren noch aus dem Tierheim in München geholt hatten. Wir wussten, er hat nicht mehr lange zu leben, denn ein Herzfehler ließ schon vermuten, dass er keine 20 Jahre alt werden würde, wie das für Dackel manchmal üblich ist. Aber das war uns egal. Das erste Jahr war für ihn toll. Er hatte einen Garten, viele Felder und uns, die ihn abgöttisch verwöhnten. Er vertrug seine Herzmedikamente gut und genoss sein Leben sichtlich. Doch schon bald wurden die Abstände immer kürzer, in denen wir beim Tierarzt waren um seine Lunge vom Wasser zu befreien. Trotz der Medikamente konnte sein Herz nicht mehr richtig arbeiten.

Der Gang in die Hölle

Der Weg zum Tierarzt war die Hölle. Wir saßen im Auto, ich fuhr. Bevor wir losfuhren riefen wir dort an und erklärten unsere Lage. In der Praxis angekommen, wurden wir sofort in ein Behandlungszimmer gebracht. Die Helferinnen waren sehr lieb und auch die Tierärztin kam sofort. Sie untersuchte ihn und bestätigte: „Ich würde ihn erlösen, er leidet zu sehr“, sagte sie. Und nach diesem Satz fuhr ich eine Wand vor mir hoch. Ich bekam kaum mehr etwas mit. Die Tierärztin erzählte was von einer Spritze zur Beruhigung und dann, wie es weitergehen würde. Ich streichelte unaufhörlich unseren Hund. Die Tierärztin gab ihm die Beruhigungsspritze und mit seiner letzten Kraft biss er die Tierärztin noch.

Das war für mich der Moment, indem ich die Praxis fluchtartig verlassen habe. Ich wollte nicht sehen, wie die Tierärztin meinen Hund „umbringt“. Ich wollte kein Bild vor Augen haben, wie er seinen letzten Atemzug tut. Ich wollte als letzte Erinnerung behalten, wie mein Hund mit letzter Kraft der Tierärztin gezeigt hat, dass er Spritzen doof findet. So setzte ich mich in die heiße Abendsonne und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Wie lange ich da saß weiß ich nicht mehr, aber vor mir lagen einige Kippen.

Wochen der Tränen

Auf dem Weg nach Hause schwiegen wir. Wir gruben ein Grab im Garten an genau der Stelle, an der unser Wasti immer gern lag. Dort, wo die erste Sonne im Garten war. An den Abend kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich erinnere mich an die ersten Tage danach. Besonders die Momente, wenn man nach Hause kommt, sind schlimm. Kein Hund, der Dich begrüßt. Kein Hund, der an Dir hochspringt. Nichts, einfach nur nichts. Das ist schlimm. Das tut unglaublich weh. Ich weinte jedes Mal, wenn ich nach Hause kam. Diese Leere in der Wohnung glich der Leere in meinem Herzen.

Erst Wochen später begann ich – mit mehr Distanz – über alles nachzudenken. Ich begriff, dass die Tierärztin unseren Hund nicht „umgebracht“ hat, sondern ihn erlöst hat. Er siechte nur noch so dahin und hatte Schmerzen, bekam kaum mehr Luft. Die Tatsache, dass man ein Tier in solchen Momenten von all seinem Leid erlösen kann, ist ein Segen. Und das Tier weiß ja auch gar nicht, dass es jetzt sterben wird. Für das Tier – sofern es überhaupt noch etwas mitbekommt – ist es nur ein Besuch beim Tierarzt. Es schläft friedlich ein.

Die Trauer bleibt gleich

13 Jahre später, im Sommer 2015 mussten wir unseren dritten Dackel Isidor von seinem Leid erlösen. Wie auch schon bei Wasti hat sein Herz nicht mehr gut funktioniert. Diesmal war es aber anders, denn wir dachten, dass wir zum Tierarzt gehen, er uns ein Medikament verschreibt und wir unseren Hund wieder mit nach Hause nehmen. Aber der Tierarzt sagte: „Sie können jetzt noch in die Tierklinik nach Ismaning fahren, die können Ihnen vielleicht noch helfen, aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass Ihr Hund die Fahrt dorthin überlebt“. Ich war wie vom Blitz getroffen, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Innerhalb von Sekunden wurde mir klar, dass das nun die letzten Momente mit unserem Hund sind.

Und diesmal – 13 Jahre älter und reifer – blieb ich bis zum Schluss. Wir bekamen Zeit uns zu verabschieden und die Zeit nutzte ich auch. Ich weinte bitterlich, konnte kaum richtig atmen oder reden. Ich hielt ihn ganz fest im Arm, drückte ihn und versprach ihm, dass alles wieder gut werden würde. Wenn er denn nun eingeschlafen sei, würde er seine Hundefreunde im Himmel treffen. Hinter dem Regenbogen würden sie auf ihn warten.

Bis zum letzten Atemzug

Der Tierarzt gab uns so viel Zeit, wie wir brauchten. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dastand, aber irgendwann kam er dann. Und ich blieb. Ich hielt ihn im Arm, während der Tierarzt nacheinander die beiden Spritzen setzte. Ich hielt ihn, bis zum letzten Atemzug. Er sah mich an, mit seinen treuen Augen und schlief einfach ein. Ohne Schmerzen. Es war auch diesmal die Hölle. Ich weinte so sehr, dass ich noch in der Praxis zusammengebrochen bin.

Diesmal nahmen wir unseren Hund nicht mit nach Hause. Wir entschlossen uns, seine Asche im Garten zu vergraben. Und das taten wir auch Wochen später. Und auch diesmal waren die Wochen danach schrecklich. Ich weinte und brauchte Zeit, alles zu verarbeiten.

Trotz der vielen Tränen und des unglaublichen Schmerzes würde ich jedes Mal wieder so handeln. Wenn mein Tier leidet und es keine Heilung gibt, würde ich es immer wieder von seinem Schmerz erlösen. Einem Tier dieses Glück (ja, ich nenne es bewusst Glück) zu verwehren ist völlig falsch verstandene Tierliebe.

pin

Wieder Platz im Herzen

Diese Zeilen haben mich unglaublich viel Kraft gekostet und es flossen viele Tränen. Ich gehe jetzt den Igor drücken und knuddeln. Er ist drei Jahre alt und quietsch fidel. Trotz all der Schmerzen, man schafft immer Platz in seinem Herzen für ein anderes Tier und es wird Dir für immer dankbar dafür sein.

Julia Schürer

Ich schreibe, lebe und liebe zusammen mit Ehemann Gregor, Sohn Paul und Dackel Igor in München. Seit April 2018 kümmere ich als Redaktionsleitung um mein zweites Haustier; schlappohr.de. Ich bin für die inhaltliche Planung, das Layout und die Weiterentwicklung von "Schlappi" verantwortlich. Natürlich schreibe ich auch gerne über meine persönlichen Erfahrungen als Hundebesitzerin und recherchiere als Expertin rund um die Themen Hund, Katze und Nagetiere.