Heute kennen wir mehr als 400 Hunderassen. Dabei stammen all diese verschiedenen Hunde, angefangen vom riesigen Berner Sennenhund bis hin zum Zwergspitz, vom Urvater Wolf ab. Die gemeinsame Geschichte von Hund und Mensch reicht dabei über 40.000 Jahre bis in die letzte Eiszeit zurück. Komm mit uns auf eine spannende Zeitreise und erfahre, wie aus einem einst gefürchteten Wildtier der beste Freund des Menschen wurde.

Der Wolf – Wer ist der Urvater des Haushundes?

Canis lupus – das ist er, der Wolf. Ein äußerst soziales und anpassungsfähiges Rudeltier, das vor der Ausbreitung des Homo sapiens das am weitesten verbreite Landsäugetier der Erde war. Als solches war es sowohl in Asien und Europa als auch in Nordamerika bis hin in den Norden Grönlands verbreitet.

Nur auf der Südhalbkugel konnte der Wolf in seiner Geschichte nie Fuß fassen. Nahezu überall zählten große Paarhufer wie Rentiere, Bisons und Moschusochsen zur Hauptbeute der Rudeljäger. Verantwortlich für die weite Verbreitung ist die enorme Anpassungsfähigkeit, die sich die Tiere bis heute bewahrt haben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der Wolf im Erdzeitalter des Pleistozäns entwickelte.

Hinweis: Das Pleistozän begann vor ca. 2,6 Millionen Jahren und endete vor etwa 11.700 Jahren mit dem Beginn des sogenannten Holozäns. Das Pleistozän war geprägt von einem regen Wechsel zwischen Warmzeiten und Eiszeiten mit teils extremen Vergletscherungen.

Forscherinnen und Forscher wie Prof. Robert Wayne, die sich näher mit der Entwicklung des Wolfes beschäftigen, gehen heute davon aus, dass es „den“ Wolf niemals gab. Vielmehr soll es noch vor 40.000 Jahren zahlreiche Wolfarten gegeben haben, die sich optimal an ihren jeweiligen Lebensraum (Habitat) angepasst haben. Trotz genetischer Unterschiede, die auch heute noch nachweisbar sind, fasst man die noch vorhandenen „Wolfarten“ in der Regel einfach unter dem Oberbegriff Wolf zusammen.

Schon gewusst? – Überraschende Genetik

Unsere heutigen Haushunde sind mit dem europäischen Wolf (Canis lupus lupus) näher verwandt als der europäische Wolf mit dem Polarwolf (Canis lupus arctos). Den echten Urvater unserer Haushunde werden wir aber wohl niemals kennenlernen. Aktuellen Erkenntnissen zufolge stammen unsere Haushunde von einer Wolfsart ab, die heute ausgestorben ist.

Wie aus Konkurrenten Verbündete wurden

Seit rund drei Millionen Jahren hat sich das Erdklima im Vergleich zu den tropischen Paradiesen der vorherigen Erdzeitalter deutlich abgekühlt. Seither wechselt auch das Klima in Perioden von ca. 100.000 Jahren zwischen Warmzeiten und extremen Eiszeiten hin und her. Dieser Umstand bildet auch die Basis für das enge Verhältnis von Wolf und Mensch.

Wir schreiben das Jahr 15.000 v. Chr. Ganz Europa ist von einem bis zu drei Kilometer dicken Eisschild bedeckt. Ganz Europa? Nein, in einem schmalen Streifen zwischen Norddeutschland und dem Alpenrand befindet sich eine Kaltsteppe, die reich an Wild ist. Dort breitet sich eine neue Spezies aus: der Mensch (Homo sapiens). In dieser Kaltsteppe fasst er zunächst als Jäger und Sammler Fuß, wobei er den vormals vorherrschenden Neandertaler verdrängt.

Wie Forscher vermuten, begab es sich zu dieser Zeit, dass einige mutige Wölfe vor lauter Hunger die Nähe des Menschen suchten. Da verwundert wenig, denn die Nähe zum Menschen versprach Futter in Form von Essensresten. Gerade im Vergleich zum „Selber-Jagen“ gab es also durch die Nähe zum Menschen für den Wolf viele Vorteile. So verloren viele der einst wilden Wölfe ihre Scheu und folgten den Menschen auf ihren Wanderrouten.

Die Symbiose zwischen Wolf und Mensch entsteht

Zu Beginn fraßen die Wölfe im Schutze der Nacht neben den Essensresten der vom Mensch erjagten Beute auch die Fäkalien der Menschen. Damals galt durch das karge Nahrungsangebot der strengen Eiszeit nämlich auch für die Wölfe das Motto „der Hunger treibts rein“.

Diese Verhaltensweise kannst Du bei Deiner Fellnase im Übrigen heute noch beobachten. So manches Schlappohr verspeist nämlich mit Vorliebe die Hinterlassenschaften von Artgenossen. Auch vor menschlichem Kot machen viele Fellnasen bei einem Ausflug ins Gebüsch nicht Halt.

Den Menschen kam der Hemmungsabbau der wilden Wölfe sehr gelegen. Immerhin gab es damals weder eine Kanalisation noch eine Müllabfuhr. Dementsprechend wimmelte es im Umfeld der menschlichen Lagerplätze nur so vor Ungeziefer. Krankheiten waren damit Tür und Tor geöffnet. Dank der pelzigen Müllabfuhr blieben die Lager ungezieferfrei.

Während der Wolf vom reich gedeckten Tisch in der Nähe des Menschen profitierte, schätze der Mensch den Wolf nicht nur als Kammerjäger. Auch als lebende Alarmanlage war der Wolf hoch angesehen. Aus einem Instinkt heraus schien der Wolf ein Warnverhalten entwickelt zu haben, um die Menschen vor der Annäherung andere Menschen oder Raubtiere zu warnen.

Vom Urhund zur modernen Rassenvielfalt

Wie genau aus dem Wolf der Hund wurde, ist bis heute nicht geklärt. Der wahrscheinlichste Ansatz ist jedoch, dass die Menschen im Rahmen der Domestizierung vor allem die Wölfe in ihre Mitte nahmen, die spezielle Eigenschaften aufwiesen. Etwa solche Tiere, die kaum scheu waren, einen hohen „Wunsch zu dienen“ aufwiesen und eine geringe Aggressivität an den Tag legten.

Diese Tiere wurden gezielt selektiert und verpaart. Nach diesem Muster entstand der Urhund. Wo und wann das war, kann niemand sagen. Archäologen konnten mittlerweile aber belegen, dass es bereits vor 8.000 Jahren speziell gezüchtete Schlittenhunde gab. Diesen Schluss lässt eine Fundstelle in Sibirien zu, wo man im Jahr 2017 neben Schlittenresten sieben hervorragend erhaltene Hundeskelette fand.

Nach dem Muster der gewünschten Eigenschaften verfuhr der Mensch an zahlreichen Orten zugleich. Auf diesem Weg entstanden zahlreiche Urahnen unserer heutigen Hunderassen. Interessanterweise fand die Wandlung vom Wolf zum Hund unabhängig voneinander auf zwei Kontinenten statt.

In Europa vor rund 15.000 Jahren und in Ostasien vor gut 12.500 Jahren. Bei der Vermischung der Menschenstämme durch die Einwanderung aus Asien brachten die „Asiaten“ ihre Hunderassen mit. Auch diese erweiterten fortan den Genpool.

Die Hochzeit der Hundezucht brach allerdings erst im Mittelalter und der Neuzeit an. Damit hat der Chihuahua genetisch genau so viel mit dem Wolf gemein wie der Husky, auch wenn das Erscheinungsbild anderes vermuten lässt.

Was unterscheidet den modernen Hund vom Wolf?

Im Laufe der Jahrtausende hat sich der Hund durch gezielte Selektion sehr eigenständig entwickelt. Damit ergeben sich zum Teil große Unterschiede zwischen unserem Haushund (Canis lupus familiaris) und dem Wolf (Canis lupus).

Zu den augenscheinlichsten Entwicklungen zählen neben der kürzeren Schnauze und den kleineren Reißzähnen auch die bei vielen Rassen schlapp herunterhängenden Ohren. Zudem entwickelten sich aus dem dominanten Weiß-Grau des Wolfes etliche Fellfarben und Muster vom goldblonden Golden Retriever bis hin zum gepunkteten Dalmatiner.

Hinzu kommen weitere interessante physiologische Eigenschaften und Verhaltensweisen, die alle auf die Anpassung an das Leben beim Menschen zurückgehen:

  • Im Vergleich zum Wolf hat der Hund deutlich mehr Gesichtsmuskeln. Das versetzt unsere Hunde dazu in die Lage, mimisch besser mit uns Menschen zu kommunizieren.
  • Kein anderes domestiziertes Tier braucht den Menschen so sehr wie der Hund. Würde man einen Hund vor einen Käfig setzen, in dem sein Futter „eingesperrt“ ist, würde der Hund wohl verhungern, da er seinen Menschen um Hilfe bitten würde. Der Wolf dagegen würde versuchen, mit brachialer Gewalt an das Futter zu kommen.
  • Das Fressen von Essensresten und Fäkalien hat am Gebiss des Hundes Spuren hinterlassen. Im Vergleich zu gleichgroßen Hunden haben Wölfe deutlich größere und spitzere Zähne.
  • Wissenschaftler vermuten, dass das charakteristische Bellen des Hundes entstanden ist, um dem Tier die Kommunikation mit uns Menschen zu erleichtern. Wölfe bellen nämlich nicht.
  • Wölfe können keine Stärke verdauen. Sie leben in der Natur noch immer hauptsächlich von Fleisch und „ein paar Beeren“. Der Hund dagegen entwickelte sich zum Allesfresser.
  • Die Pubertät des Wolfes beginnt erst im zweiten Lebensjahr. Als Hundehalter müssen wir uns je nach Rasse schon ab dem siebten Lebensmonat mit einem pelzigen Pubertier herumschlagen.
  • Wölfinnen werden in freier Wildbahn lediglich einmal jährlich läufig. Bei Hündinnen ist dies zweimal pro Jahr der Fall. Verantwortlich dafür ist die Anpassung an das deutlich bessere Nahrungsangebot.

Fazit: Der Hund ist überall

Allein in Deutschland leben heute gut acht Millionen Hunde. Damit besitzt statistisch jeder fünfte Haushalt einen Hund. Weltweit sind es sogar geschätzt 500 Millionen Fellnasen, wobei der Löwenanteil auf Mischlinge entfällt.

Von Hundeverbänden anerkannte Rassehunde sind mit nur 50 bis 60 Millionen dagegen vergleichsweise selten. Damit hat es der Hund nicht nur in unsere Herzen, sondern zu einem Status als erfolgreichstes Landsäugetier gebracht – wenn auch nur durch unsere Hilfe.

Aber auch der Wolf ist wieder im Kommen. Derzeit liegt der globale Bestand zwar bei nur gut 170.000 Tieren, aber die Population nimmt stetig zu. Und das nicht nur in den Hauptverbreitungsgebieten in Russland, Alaska und Kanada, wo größere Bestände zu finden sind.